… könnte ich mich ja aufregen. Jawohl, AUFREGEN! Aber so richtig. Wenn aufregen gegen Dummheit und … und … und…ich hab gar keine Wort dafür, fällt mir grade auf, äh, ok. also wenn aufregen dagegen helfen würde, wärs ja gut. Tut es aber nicht. Nicht nur, weil man nicht tuten tut, sondern, weil es nix bringt.
Das Aufregen begann heute Morgen, als eine liebe Freundin in ihrem Facebookprofil die Nummer des Berliner Kältebusses gepostet, bzw. geteilt hat. Zu Recht. Ist ja kalt. (Die Nummer, nur für Interessierte aus Berlin, lautet übrigens 0178/523 58 38, mehr lesen über die Arbeit der Kältehilfe könnt ihr hier.) Aus Interesse mal draufgeklickt und den schweren Fehler gemacht, die Kommentare zu lesen. HERRGOTTSAKRAHIMMELARSCHUNDZWIRN!!
Ich fass das mal zusammen: Obdachlose sind allesamt drogensüchtig oder alkoholabhängig, weswegen man mit Fug und Recht erwarten kann, dass es ihnen egal ist, ob sie erfrieren, solange sie nicht den nächsten Schuss oder die nächste Flasche Hennessy einer mildtätigen Seele aus der Tasche schnorren können. Und überhaupt, warum sollte man denen was geben? Sind doch selber Schuld, hier in Deutschland muss doch keiner obdachlos sein?! Oder? Oder? Siehste! Außerdem: Warum soll man denen was geben? Die versaufen oder verkiffen das eh, weil, die sind ja ALLE süchtig. Und draußen schlafen wollen die auch lieber, also können sie auch frieren, die wollen das ja so, und wenn man denen mal ein Brötchen geben will, werden sie auch noch patzig und wollen lieber Geld haben! Und Geld gibt man denen ja wohl nicht, denn wer so weit unten ist, der kann ja auch nur zu faul sein zum arbeiten!
(Kann bitte ein graphisch talentierter Mensch eine Bullshit-Bingo-Karte erstellen?)
Kommentare selbiger Güte sind übrigens unter der ebenfalls bei Facebook geposteten Telefonnummer des Kölner Kältebus (0221/ 441026) zu lesen.
Was regt mich denn jetzt so auf? Dass die Leute dumm, oder besser seltsam, sind, also viele Leute, vor allem aber die, die solche Kommentare absetzen, ist ja bekannt. Also mir. Was mich so aufregt, sind folgende Fragen, auf die ich die Antwort teilweise weiß, meist aber nicht, weil ich ja im Gegensatz zu oben zusammengefasster Kommentatorenbagage nicht die Lebensweisheit bei Mutti aus der Wohlstands-BH-gestützten Vorstadtbrustwarze gesaugt habe, aber der Einfachheit halber nummeriere ich die mal durch.
1. Wieso sind so unglaublich viele Leute (nicht Menschen) der Auffassung, zu allem ihren Senf dazugeben zu müssen? Ich ja auch. Achja, das Internet. (Keine Angst, ich schreib mich nur warm)
2. Warum glauben Leute (wieder nicht Menschen), es sei vollkommen in Ordnung, eine Spende an einen Bedürftigen an Bedingungen zur Nutzung der Spende zu knüpfen und beim geringsten Verdacht der Abweichung von der Huschipuschivorstellungswelt dessen, was zB man mit 5 Euro so anfangen kann, ebendiese Spende wiederum entweder zu verweigern oder dazu zu nutzen, in lamentöses Geschrei auszubrechen, dessen Konsens etwa lauten könnte: MAMA! DER BÖSE MENSCH HAT NICHT GEMACHT, WAS ICH WOLLTE! STELL DIR VOR, ER HAT SICH KEIN POLITISCH KORREKTES BROT GEKAUFT, (WEGEN DEM ICH MICH FÜHLEN KÖNNTE WIE JESUS NACH DER SPEISUNG DER ARMEN) SONDERN EIN BIER! - oder so ähnlich. Ihr wisst schon. – Hier hab ich keine Antwort parat, echtnech.
3. Warum zum Teufel muss aus allem eine Grundsatzdiskussion entbrennen? Da gibt es eine Telefonnummer für Leute, die vielleicht auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg einen bei Minusgraden schlafenden Obdachlosen sehen, der eventuell nicht ausreichend gegen die Kälte gerüstet ist, die diese dann anrufen können. Dann kommen nette Leute (hier Menschen), denen es egal ist, ob auf der Straße schlafender Mensch betrunken oder zugeknallt ist. Er droht, körperlichen Schaden zu nehmen oder gar zu erfrieren, also gehört ihm geholfen oder Hilfe angeboten (und ja, über diese Satzstellung dürft ihr euch jetzt den Kopf zerbrechen, ich behaupte, das ist richtig).
4. Wieso fällt mir schon jetzt keine Frage mehr ein, die wichtig wäre zu stellen? – Pulver beim Aufregen schon verschossen. So sieht’s mal aus.
Also: Ich werde weiterhin Brötchen, Kohle, Obst, heiße oder kalte Getränke verteilen, wenn ich was dabei hab. Seien wir mal ehrlich: Ich bin Single, ich wohne alleine, ich esse alleine. Das was man im Supermarkt kaufen kann, ist so abgepackt, dass es meist verdirbt, bevor man es aufgegessen haben kann. Da kann man auch was abgeben. Finde ich. Und ich bin nicht mal ein netter Mensch. Mich nervt das genauso, in der Bahn oder sonstwo angebettelt zu werden, ich ignoriere genauso Menschen, die mich peinlich berühren, indem sie betteln oder in eine Not geraten sind, in die ich nie geraten möchte. Ab und zu hab ich meine guten Momente UND was zu geben dabei, und dann ist es mir scheißegal, ob der, dem ich was gebe, die fünf Euro zur nächsten Bude trägt und sich davon nen Liter Korn holt. Soll er, wenn es das ist, was er grade braucht, ist es ok. Ich lass mir auch nicht vorschreiben, wofür ich mein Geld ausgebe, und in dem Augenblick, in dem ich mein Geld verschenke, ist es nicht mehr meins, sondern das des Beschenkten und der kann damit machen, was er will. Außerdem kann man ja auch mal fragen, was derjenige gerade haben möchte. Und wenn der kein Brot oder Brötchen haben will (was haben die alle mit dem Scheiß-Brot?! Vielleicht ist das doch so ein kollektiv-latenter Jesuskomplex, so von wegen Brot verteilen und Arme damit speisen oder sowas), dann kann das eventuell wohl auch daran liegen, dass ihm gerade schon eine andere Person eins gegeben hat oder er Brot gar nicht so gerne isst. Soll’s ja auch geben.
So. Und jetzt habe ich fertig.
*edit: da einige hier landen, weil sie nach Informationen zum Kölner Kältebus suchen: Hier findet ihr die Website der Stadt Köln mit allen Infos.