Lieber Gelegenheits-Stalker,

wie schön, dass Du es wieder einmal mehr geschafft hast, mir den Abend zu verderben. Beinahe bewundernswert, die Aufmerksamkeit, die Du mir seit langer Zeit in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder widmest. Ebenso wie Deine Fähigkeit, zu ignorieren, dass ich Dich weder sexy, noch interessant oder unterhaltsam finde. Virtuos die Wortwahl in der Beschreibung Deiner körperlichen Vorzüge, die Du, lieber M., natürlich ganz im Gegensatz zu meinem Begleiter im sprichwörtlichen Übermaße hast und auch besser einzusetzen weißt, als mein Begleiter es selbst unter Zuhilfenahme einer detaillierten piktographischen Anleitung jemals könnte. Wie dumm von mir, das nicht nutzen zu wollen, wo ich doch derart unzufrieden mit den mir durch den minderbestückten und unbegabten Begleiter angebotenen sexuellen Handlungen erscheine. Die Minderbestückung meines Begleiters hast Du, lieber M., in Deiner unnachahmlich zurückhaltenden Art natürlich auf der Herrentoilette recherchiert, wo Du ihm am Pissoir auf den Löres geschielt hast. Danke auch dafür, immerhin kenne ich meinen Begleiter noch nicht so gut, als dass Du mir jetzt nicht eine Information voraus hättest! Und, ja natürlich, das sieht man mir förmlich an, dass ich nach der Erfüllung jeglicher Wünsche, von denen ich nicht einmal weiß, dass ich sie hegen mag, durch jemanden der wirklich etwas davon versteht, geradezu dürste!

Apropos dürste: Nein, ich nehme auch beim hundertdrölfzigsten Mal keinen Sekt, keinen Prosecco, kein Bier, keinen Cocktail, keine Cola, keinen Saft, kein Wasser oder sonstirgendetwas, was an irgendeiner Theke in irgendeiner Kneipe, Tanzlokalität oder Dönerbude in diesem viel zu kleinen Universum bestellt werden könnte von Dir an. Wie jedes Mal werde ich das mir unaufgefordert überreichte Getränk an den nächstbesten mir unbekannten Menschen weiterreichen, es zurückgeben, stehenlassen oder wegschütten. Wenn Du das Geld, das Du bereits in diese zahlreichen Getränke investiert hast, vor meinen Augen verbrennen würdest, würdest Du mir eine größere Freude machen. Allerdings würde diese Freude von dem Umstand getrübt, Dich überhaupt in meiner Nähe zu wissen.

Apropos Freude: Eine große Freude macht es mir immer, zu sehen, dass Du Dich auch mit anderen Frauen unterhältst, immerhin gibt das Anlass zu der Hoffnung, dass Dich irgendwann einmal eine von denen erhört und ich dann meine Ruhe habe. Am liebsten würde ich dann zu der betreffenden Person gehen und ihr erzählen, wie aufmerksam und großzügig Du bist, aber ich habe zuviel Angst, dass Du das zum Anlass nehmen könntest, zu glauben, ich würde mich tatsächlich und in Wirklichkeit doch für Dich interessieren.

In diesem Sinne: Alleiniges Waidmannsheil und eine baldige Hochzeit und viele Kinderlein!

Gjezz ises aber gutt(enberg)!

Ich habe einen akademischen Abschluss erworben. Gelernt, Klausuren geschrieben, Arbeiten verfasst und Veranstaltungen besucht. Ich habe mein Studium mit Arbeit finanziert, Stress, finanzielle Einbußen und ein Leben knapp unter dem Existenzminimum in Kauf genommen, um das tun zu können. Was für ein Schlag ins Gesicht ist das jetzt, dass ein Bundesminister angeblich seine Dissertation durch andere hat schreiben lassen, fremde Gedankengänge als die eigenen ausgegeben haben soll und sich so über die grundlegendsten Regeln wissenschaftlichen Arbeitens, die jedem Erstsemesterstudenten innerhalb der ersten Wochen eingebimst werden wie nur was, hinweg gesetzt haben soll und das Ganze auch noch so plump abgewiegelt wird.

Auch ich habe neben dem Studium gearbeitet, oder eher neben der Arbeit studiert, allerdings ohne die Bezüge eines Mitglieds des Bundestages oder Familienvermögen zur Verfügung gehabt zu haben, um meinen Lebensunterhalt sichern zu können. Einige meiner Kommilitoninnen haben  ihre Kinder allein erzogen und gearbeitet, um ihre akademische Ausbildung bewerkstelligen zu können. Sicher macht man da Fehler, wenn man in mühevoller Kleinarbeit seine Arbeiten anfertigt, oder um es mal im von und zu Guttenbergschen Sprachmodus auszudrücken: Es wurden Fehler gemacht. Sicher. Man vergisst Satzzeichen, formuliert unrund, formatiert falsch. Man macht Fehler in der Syntax, beim Aussuchen von Bildern oder beim Zusammenstellen des Anhangs. Bei den Seitenzahlen und in der Argumentationsstruktur. All das sind Fehler, die man bei der Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten macht und die zur Herabsetzung von Noten oder der Wiederholung eines Seminars führen. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was der Herr von und zu Guttenberg da vermutlich abgeliefert hat, und dennoch wird so getan, als sei das, was man allgemein in der Wissenschaft als Plagiat bezeichnet und was eine universitäre Laufbahn im Regelfall so schnell beendet wie Bierhoff das EM-Endspiel 1996 durch das Golden Goal, ein Fehler, der doch jedem mal passieren könnte. Ein herzliches Würg dazu.

So. Ich habe fertig.

Kinder, Kinder!

Im Umgang mit unter zehn Jahre alten Kindern lernt man so Einiges. Kindergartenmechanismen, Mütterpolizeiregeln, mit Pokemonkarten spielen, früh aufstehen und mit wenig Schlaf auskommen und ironiefrei kommunizieren. Mit anderen bedauernswerten Sklavinnen der modernen Kindererziehung (das Kind darf kein Gramm zuviel wiegen, egal wie muskulös es dabei ist, es muss zu einem bestimmten Zeitpunkt 13,50 m auf einem Bein hüpfend zurücklegen und sich dabei in die Hände klatschend um die eigene Achse drehen können, während es auswendig und fehlerfrei ein pädagogisch wertvolles Liedchen trällert. Jedes Spiel muss einen pädagogischen Hintergrund haben, für etwas förderlich sein und überhaupt haben wir zu wenig Sozialkompetenz! Für alles gibt es Schemata, und wehe, wehe das goldene Kal…eh, Kind passt nicht genau hinein!) den Kindern beim Sport zuschauen und sich dabei mit Kaffee abfüllen. So Sachen halt.

Vor allem aber lernt man das Kinderfernsehen mit seinem Programm und den Werbeblöcken hassen. Inbrünstig. Lassen wir die Finger von Spongebob, Bernd das Brot, der Sesamstraße oder meinetwegen auch noch Hannah Montana. Jaja. Is schon gut. Das Kinderfernsehen mit seinem Programm  und seinen Werbeblöcken, dabei liegt die Betonung auf Werbeblöcke.

Am 1. Juni, für mich als Quereinsteigerin in Sachen Kindererziehung ist das neu, ist Kindertag. Den gibt es schon länger, nur dass zu diesem Termin so aggressiv für Spielzeug und allerlei Kram geworben wird, scheint auch neu. So heißt es auch auf der entsprechenden Internetseite: “An jedem 1. Juni feiern Kinder und ihre Familien mit Unterstützung des Deutschen Verbandes der Spielwarenindustrie e. V. und vielen engagierten Partnern und Mitmachern den Internationalen Kindertag.”

Aha.

Ich hab eigentlich jeden Tag Kindertag. Ich stehe morgens auf und sorge dafür, dass es ordentlich mit Frühstück versorgt, wettergemäß gekleidet und einigermaßen gut gelaunt in die jeweilige Einrichtung gehen kann. Ich wasche, bügle, putze und koche. Ich erziehe und bemühe mich, nicht zu verziehen. Ich helfe bei den Hausaufgaben, gehe mit zum Judo und zum Fußball, verrichte Fahrdienste zu Freunden, zum Schwimmbad, zu sportlichen Wettkämpfen. Ich gehe auf andere zu, ich verbrüdere mich, bilde Netzwerke, bin Teil einer Gemeinschaft. Ich trage Sorge, ich trage Verantwortung, keine Bürde. Ich lerne, ich lache, ich bin streng, ich spiele, ich lasse fünfe grade sein und ich habe Schwierigkeiten konsequent zu sein, wenn einer heult, weil ich ihm was verboten habe. Vor allem aber bin ich einfach nur da. Tag für Tag für Tag. Und wenn ich mal nicht selber da bin, kümmere ich mich. Eigentlich müsste ich den Kindern jeden Tag was schenken, weil sie mein Leben bereichern und mich beschenken, mit Lebensfreude und Energie und Liebe.

Aber halt… wie bitte? Genau. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.